Wer kennt sie nicht aus frühester Kinder- und Jugendzeit – jene kleinen runden Spielkugeln, die auf der ganzen Welt mit den verschiedensten Namen bezeichnet werden: die Märbel, die Murmeln, die Klicker, die Schusser. Funde aus babylonischer, ägyptischer, römischer und germanischer Zeit belegen, dass das Murmelspiel bereits uralt ist. Die ältesten Murmeln datieren von etwa 3.000 v. Chr. Und die schönsten? Die kamen aus Lauscha.
Bevor Murmeln aus Glas waren, waren sie aus Stein. Marmor und Kalkstein waren die ältesten Materialien – der Name „Murmel“ leitet sich wohl vom Material Marmor ab. Später kamen Murmeln aus Ton und Keramik hinzu, schließlich aus Porzellan. Doch erst das Glas machte die Murmel zu dem, was sie wirklich sein will: ein leuchtendes, schimmerndes kleines Universum in der Kinderhand.
Stein
Marmor & Kalkstein ab ~3.000 v. Chr.
Ton & Keramik
Porzellan – Murmeln
Achat
Kostbare Exemplare Idar-Oberstein
Glas
Lauscha ab 1848
Die Geschichte der Glasmurmel aus Lauscha beginnt im Jahr 1848. Geschäftsfreunde des Lauschaer Unternehmers Elias Greiner Vetters Sohn machten diesen auf die kostbaren Murmelgebilde aus Achat aufmerksam, die im fernen Idar-Oberstein gefertigt wurden. Die Idee war klar: Wenn man so etwas aus Glas herstellen könnte, wäre es nicht nur billiger, sondern auch schöner.
Erste Versuche in der Lauschaer Ortsglashütte verliefen nicht zufriedenstellend – bis sich der Halbbruder des Elias der Sache annahm: Johann Christoph Simon Karl Greiner (1783–1851), von allen nur das „alte Vetterle“ genannt.
Das „alte Vetterle“ war Tieraugenmacher in der Lauschaer Ortsglashütte. Er konstruierte die von ihm zur Tieraugenherstellung genutzte Drückerzange zur legendären, weltbekannten „Märbelschere“ um – jenes geniale Werkzeug, mit dem jahrzehntelang die Lauschaer Glasmärbel gefertigt wurden.
Mit dieser Erfindung hatte Lauscha fast ein Jahrhundert das Weltmonopol für Glasmurmeln. Leider ging es dem Erfinder wie vielen Erfindern: Er sollte die Früchte seines Strebens und den Lohn für seine Bemühungen nicht genießen können. Andere nahmen sich der Sache an und beuteten sie aus.
„Die auch heute noch im Gebrauch befindliche Märbelschere hatte ihren Kolumbus gefunden, und unstreitig gebührt diese wertvolle und für Lauscha und seine Umgebung zum Segen gewordene Erfindung einzig dem alten Vetterle.“
Dr. Gerhard Greiner-Bär, Heimat- und Geschichtsverein Lauscha e.V.
Auf Basis der Erfindung der Märbelschere gründeten Elias und sein Sohn Septimius Greiner Vetters Sohn eine neue Firma, die 1853 ihren Betrieb aufnahm und vor allem Glasmärbel und Glasrohre fertigte. Das Geschäft mit den Glasmurmeln nahm in den Folgejahren einen ungeahnten Aufschwung. In kurzer Zeit entstanden weitere Firmen im Territorium, die sich der Herstellung von Glasmurmeln widmeten.
Greiner Vetters Sohn
Die erste Firma für Glasmärbel – gegründet von Elias und Septimius
Mauschelshütte
Später „Schlotfegerhütte“ genannt – eine der ersten Murmel-Glashütten
Kühnertshütte
Ebenfalls 1856 erbaut – der Murmel-Boom lockte Investoren
1862
Eugenshütte
In Steinach errichtet – die Murmelproduktion breitet sich aus
Schneidershütte
Die jüngste der Murmel-Hütten im Lauschaer Territorium
Ältere Glashütten
Auch bestehende Hütten im Territorium stellten auf Murmelproduktion um
Bis zum Ersten Weltkrieg hatte Lauscha das Weltmonopol für die Herstellung von Glasmurmeln. Keine andere Region der Welt konnte mithalten – die Märbelschere und das Können der Lauschaer Glasmacher waren unschlagbar. Doch nach dem Krieg begannen die USA, Glasmurmeln halbmaschinell herzustellen. 1925 übernahmen Georg Schneider – der „Märbelschneider“ – und Otto Greiner Vetters Sohn das amerikanische Förderschneckensystem nach Lauscha, sodass neben den handgefertigten nun auch halbmaschinell hergestellte Glasmärbel produziert wurden.
Anfang der 1930er Jahre ging man in den USA zur vollautomatischen Herstellung über. Ein Pionier dieser Technologie war der deutsche Auswanderer Arnold Fiedler, der das Glasmacherhandwerk in Deutschland erlernt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Japan, Mexiko und später China die vollautomatische Produktion auf. Selbst in der DDR wurden zwischen 1980 und 1990 maschinelle Glasmurmeln im Kombinat Technisches Glas Ilmenau gefertigt.
Doch totgesagte leben länger. Im Jahr 1975 begann die „Wiedergeburt“ der handgefertigten Glasmurmeln – ausgerechnet in den USA, wo ein Event den Durchbruch für Designer-Glasmurmeln erbrachte. Inspiriert davon begannen Glaskünstler weltweit, einzigartige Kunstmurmeln zu schaffen – kleine Universen aus Glas, die nicht mehr zum Spielen, sondern zum Staunen und Sammeln bestimmt waren.
In Lauscha griffen die Glasbläser diese Bewegung auf und vereinten sie mit ihrer jahrhundertealten Tradition. Neben der Arbeit am Studioofen ging man dazu über, Designer-Märbel an der Glasbläserflamme zu formen – und schuf damit etwas, das es nur in Lauscha gibt: die Verschmelzung von uraltem Handwerk mit moderner Glaskunst.
Von den Pionieren bis heute – diese Glaskünstler haben die Lauschaer Designer-Murmel weltbekannt gemacht:
Hans Lödel (Studioofen), Helmut Greiner-Petter (Initiator), Wolfgang Jahn, Norbert Geitner, Peter Müller-Phillip, Sohn Olaf Ens, Ralf Greiner-Adam
Ralf Greiner-Adam genießt auch in den USA einen hervorragenden Ruf. Ein spezieller Designer-Glasmärbel von ihm findet bei der jährlichen Verleihung des „Ehrenmärbel“ der Stadt Lauscha Verwendung. Das Elias-Farbglaswerk Lauscha hat in den letzten Jahren wieder mit der Herstellung von handgefertigten Designer-Glasmärbeln begonnen.
Funde aus babylonischer, ägyptischer, römischer und germanischer Zeit belegen das uralte Murmelspiel. Materialien: Stein, Marmor, Kalkstein.
Das „alte Vetterle“ – Johann Christoph Simon Karl Greiner – konstruiert die Drückerzange zur legendären Märbelschere um. Lauscha erobert die Welt.
Elias und Septimius Greiner Vetters Sohn gründen die erste Firma für Glasmärbel und Glasrohre.
Mauschelshütte, Kühnertshütte, Eugenshütte – in wenigen Jahren entsteht ein ganzes Netz von Murmel-Glashütten.
Lauscha hält das Weltmonopol für die Herstellung von Glasmurmeln. Die Märbelschere macht es möglich.
Die Amerikaner starten mit Glasmurmel-Formmaschinen – einem Förderschneckensystem aus Rillenzylindern.
Georg Schneider und Otto Greiner übernehmen das US-System. Lauscha produziert nun hand- und halbmaschinell.
Pionier Arnold Fiedler, ein deutscher Auswanderer, treibt die Automatisierung voran. Später folgen Japan, Mexiko, China.
Ein Event in den USA löst die Renaissance der handgefertigten Designer-Glasmurmel aus. Lauscha greift die Bewegung auf.
Ralf Greiner-Adam, Olaf Ens und das Elias-Farbglaswerk fertigen handgemachte Kunstmurmeln. Das „Ehrenmärbel“ der Stadt Lauscha wird jährlich verliehen.
Von der Steinmurmel aus Babylon über die kostbaren Achat-Kugeln aus Idar-Oberstein bis zur leuchtenden Glasmurmel aus Lauscha – die Murmel hat eine Reise hinter sich, die 5.000 Jahre umspannt. Und in Lauscha, wo das „alte Vetterle“ seine geniale Märbelschere erfand, wird diese Reise fortgesetzt: an der Flamme, von Hand, mit dem gleichen Erfindergeist, der schon immer das Wesen dieses Ortes ausmachte. Glaskunst beGREIFEN – das geht auch mit einer Murmel in der Hand.
Alles Wissenswerte über die Geschichte und die Herstellung von Murmeln finden Sie in der 2019 erschienenen Broschüre des Heimat- und Geschichtsvereins, verfasst von Dr. Gerhard Greiner-Bär.
ATELIER SpissKist, Straße des Friedens 15, 98724 Lauscha
→ Termin vereinbaren unter: 0171-433 29 82 oder per E-Mail:
rita.worm@lauscha-glaskunst.com
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