„Wir machen schöne Dinge, nutzlos wenn Du willst, ja – aber sie sollen ein bisschen Zauber in das Leben der Menschen bringen.“ So spricht die Glasbläserin Marie Steinmann in der ZDF-Literaturverfilmung „Die Glasbläserin“ nach dem gleichnamigen ersten Band aus Petra Durst-Bennings Glasbläser-Trilogie. Worte, die den Geist von Lauscha treffen wie kaum andere – und die bis heute wahr sind.
Wenn man der Legende Glauben schenkt, war es im Jahr 1847 die Idee eines armen Lauschaer Glasbläsers, farbige Kugeln aus Glas für den Christbaum herzustellen – denn teure Walnüsse und Äpfel konnte er sich nicht leisten. Was als Notlösung begann, wurde zur schönsten Erfindung, die Lauscha der Welt geschenkt hat. Und diese Tradition haben sich die Glaskünstler in Lauscha beibehalten: Noch heute wird der gläserne Lauschaer Christbaumschmuck genauso gefertigt – an der Flamme, mit dem Atem, von Hand.
Hinter der schönen Legende steckt eine noch faszinierendere Wirklichkeit. Die Grundlage für die Entwicklung des gläsernen Christbaumschmucks legte im Jahr 1755 der Lauschaer Glashändler Johann Adam Greiner. Er führte die Herstellung von Hohlglasperlen mittels Lampenglasbläserei ein – eine mühevolle Arbeit, bei der die Größe der geblasenen Perlen bei gerade einmal 5 Millimetern begrenzt war. Voraussetzung dafür war die Herstellung von Glasröhren in der Dorfglashütte – jene Hütte, die seit 1597 das Herz von Lauscha bildete.
Der entscheidende Schritt kam um 1820 mit der Einführung des Blasebalgs. Plötzlich gelang es, Glaskugeln und verschiedene Formen – Äpfel, Nüsse, Zapfen – bis zu einer Größe von etwa 5 Zentimetern herzustellen. Damit war der gläserne Christbaumschmuck geboren. Nicht als Luxusprodukt, nicht als Kunstwerk für Paläste – sondern als Schöpfung einfacher Menschen, die mit dem arbeiteten, was sie hatten: Sand, Feuer und ihren Händen.
Johann Adam Greiner führt die Lampenglasbläserei ein – Perlen bis 5 mm an der Öllampe
Kugeln und Formen bis 5 cm werden möglich – die Geburt des Christbaumschmucks
Städtisches Gas für heißere Flammen – größere Stücke in höherer Qualität und Menge
Der wahre Durchbruch gelang 1867 mit der Errichtung eines städtischen Gaswerkes in Lauscha und dem Anschluss der Heimwerkstätten an die Gasversorgung. Die wesentlich heißere Gasflamme machte es möglich, größere Erzeugnisse in höherer Qualität und Quantität zu produzieren. Etwa gleichzeitig wurde um 1870 die Verspiegelung des Christbaumschmucks mit Silbernitrat eingeführt – und die bisherige gesundheitsschädliche Verspiegelung mit einer Blei-Zinn-Lösung endlich abgelöst. Jetzt erst bekamen die Kugeln ihren legendären Glanz, der bis heute fasziniert.
„In einigen wenigen Werkstätten und Manufakturen können Besucher heute manchmal bei der Produktion zusehen, wenn der Brenner faucht, der Feuerstrahl den Glaskolben ganz und gar einhüllt und ihn zum Glühen bringt.“– Lauscha Glaskunst
Hinter dem Glanz der Kugeln stand eine Wirklichkeit, die alles andere als festlich war. In den Glasbläserfamilien herrschte große Armut. Ein 12- bis 15-Stunden-Arbeitstag war an der Tagesordnung, und es galt eine strenge Arbeitsteilung: Die Männer arbeiteten an der Lampe, den Frauen, Kindern und Großeltern oblag die Veredlung und die Verpackung. Die Frauen waren darüber hinaus für die Versorgung der Familie und vor allem für den Transport der Fertigware zu den Verlegern verantwortlich – daher rührt auch der berühmte Glasbläserpfad zwischen Lauscha und Sonneberg. Die Existenzgrundlage der Familie war nur dann gesichert, wenn sich alle Familienangehörigen an der Produktion beteiligten.
Für den Verkauf und Handel mit dem Christbaumschmuck zeichneten im Wesentlichen die Sonneberger Spielzeug-Verleger – die großen Handelshäuser – verantwortlich. Die Glasbläser arbeiteten auf Grundlage eines Verlagssystems: Sie stellten die gewünschten Waren gegen Rechnung des Verlegers her und lieferten sie gegen sofortige Bezahlung frei Haus.
Das Jahr 1880 markierte den Wendepunkt. Die amerikanische Einzelhandelskette von F.W. Woolworth erteilte einen ersten großen Auftrag – und machte den Lauschaer Christbaumschmuck schlagartig in der Neuen Welt bekannt. Wahrscheinlich wäre der gläserne Lauschaer Christbaumschmuck ohne die amerikanischen Großhändler, Käufer und Liebhaber niemals zu einem weltweit gefragten Bestseller geworden. Was einst in der Armut eines Thüringer Walddorfes entstand, schmückte fortan die Weihnachtsbäume von New York bis San Francisco.
Johann Adam Greiner führt die Herstellung von Hohlglasperlen mittels Lampenglasbläserei ein – der Grundstein für alles, was folgen wird.
Glaskugeln und Formen (Äpfel, Nüsse, Zapfen) bis 5 cm werden möglich. Der gläserne Christbaumschmuck ist geboren.
Der Überlieferung nach fertigt ein armer Lauschaer Glasbläser farbige Glaskugeln für seinen Christbaum, weil er sich Walnüsse und Äpfel nicht leisten kann.
Errichtung des städtischen Gaswerkes – Anschluss der Heimwerkstätten an Gas ermöglicht größere Erzeugnisse in höherer Qualität.
Die neue, ungiftige Verspiegelungstechnik verleiht dem Schmuck seinen legendären Glanz und löst die schädliche Blei-Zinn-Lösung ab.
F.W. Woolworth erteilt den ersten großen Auftrag. Der Lauschaer Christbaumschmuck wird zum weltweiten Bestseller.
Der mundgeblasene gläserne Lauschaer Christbaumschmuck wird als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt.
ATELIER SpissKist, Straße des Friedens 15, 98724 Lauscha
→ Termin vereinbaren unter: 0171-433 29 82 oder per E-Mail:
rita.worm@lauscha-glaskunst.com
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