Lauscha steht nicht nur für Christbaumschmuck und Glasperlen – sondern auch für Hightech-Innovationen aus Glas, die in die ganze Welt gingen. Von der Glaswolleindustrie über mikrofeine Glasfasern bis hin zu Hochindex-Mikroglaskugeln und porösen Gläsern – was in den Werkstätten und Laboren am Rennsteig entwickelt wurde, setzte weltweite Maßstäbe. Mehr als 60 Patente von Dr. Gerhard Greiner-Bär allein belegen diesen Erfindergeist.
Glasbläser aus Lauscha stellten bereits im 18. Jahrhundert sogenanntes Feen- oder Engelshaar her. Die Möglichkeiten der Fasern – etwa zur Wärmeisolation als Glaswolle – wurden in Lauscha und Steinach erst nach und nach entdeckt. Was als Christbaumschmuck begann, wurde zur Grundlage einer globalen Industrie.
Es begann im Jahre 1921. Der Lauschaer Glasbläser Septimius Koch (1878–1959) betrieb eine Firma zur Herstellung von Feenhaar und Glasfasern für die Christbaumschmuckindustrie. Er hatte die Herstellung mechanisiert und besaß dafür ein Deutsches Reichspatent. Der Kaufmann Hans F.C. Cordts (1896–1996) aus Hamburg, der Handel mit den Lauschaer Glaserzeugnissen trieb, erkannte die Möglichkeit, mit Hilfe des Kochschen Patentes Glasfaser für Isolierzwecke herzustellen.
Gemeinsam gründeten sie die „Thüringische Glaswolleindustrie-vormals Septimius Koch GmbH“ mit der Verkaufsleitung und Verwaltung im bekannten Chile-Haus in Hamburg und der Produktionsstätte in Lauscha – ca. 100 m unter der Berufsfachschule Glas.
Mit dem Beginn der Produktion begann ein neues Glasfaserzeitalter und die Geburtsstunde der Glaswolleindustrie – 10 Jahre früher als in den USA!
Die Produktion und der Bedarf entwickelten sich so gut, dass man bereits 1925 nach Steinach umsiedeln musste, da in Lauscha kein Platz zur Verfügung stand. Die wirtschaftlichen Erfolge fanden Ende der 1920er Jahre große Beachtung und Nachahmung – mit der Firma der Gebrüder Queck in Lauscha und Haselbach und der „Wernerhütte“ von Schuller.
Heute: Vitrulan Technical Textiles GmbH. In den 1930er Jahren wurden hier erstmals spinnbare Glasfäden mit genau definiertem Durchmesser als Rollenware hergestellt.
Glasfaserunternehmen in Lauscha und Haselbach – Nachahmung nach dem Erfolg der Koch-Firma.
Weitere Glasfaserproduktion im Lauschaer Territorium. Nachfolger dieser Betriebe sind heute in Lauscha, Steinach und Haselbach unter neuen Besitzern.
Erste Firma für Glaswolle-Isolation. Verkaufsleitung im Chile-Haus Hamburg, Produktion in Lauscha, ab 1925 in Steinach.
Mikrofeine oder superfeine Glasfasern sind eine Besonderheit unter den Glasfasern. Sie weisen Durchmesser in den Bereichen von 0,1 bis 5,0 µm auf und werden zur Herstellung von Batterieseparatoren und vor allem in der Filtertechnik verwendet, finden aber auch als Superisolationen z.B. in Flugzeugen Verwendung.
Die Entwicklung der mikrofeinen Glasfaser begann 1957 in der Außenstelle Lauscha des Instituts für Glastechnik Ilmenau unter der Leitung von Willi Fiedler. Diese Entwicklung begann unabhängig von den Forschungen über mikrofeine Glasfasern in den USA.
1966 übernahm Dipl.-Ing. Gerhard Greiner-Bär die Forschung. Innerhalb der darauffolgenden Jahre kam es zu einer ganzen Reihe an Neuentwicklungen – sowohl an neuen Produkten als auch an Verfahren, die allesamt durch Patente geschützt wurden.
So entstanden unter anderem Nähgewirkmatten zur hocheffektiven Isolation von Schiffen, Waggons und Fahrzeugen. Es wurde das sogenannte „Duplexverfahren“ geschaffen, mit dem die Faser wesentlich effektiver gefertigt werden konnte und schließlich als Höhepunkt eine Faser mit einem Durchmesser von 0,1 µm als High-tech-Produkt gefertigt werden konnte.
Nach dem ersten Produkt als Gehörschutzwatte (nach 3 Jahren Forschungsarbeit ab 1957) kam die mikrofeine Faser nach der politischen Wende in der DDR in dem in Spechtsbrunn neu gegründeten Betrieb „Thüringer Filter Glas GmbH“ weiter zur Herstellung und wird heute noch im Nachfolgebetrieb des Lauschaer Glaswerkes auf dem Lauschaer Köpplein produziert.
Wenn 1 kg Mikroglasfasern mit einem mittleren Durchmesser von 0,3 µm hintereinander gelegt würden, ergäbe sich ein Strang von 8,8 Millionen Kilometern – das entspricht der 25-fachen Entfernung Erde–Mond!
Zwischen 1965 und 1990 wurden im damaligen VEB Glaswerke/Trisola Lauscha industrielle Glaserzeugnisse mit einer kugelförmigen Struktur entwickelt und hergestellt. Die DDR als devisenschwaches Land konnte diese Produkte nicht importieren – man war auf Eigenentwicklung und -produktion angewiesen. Das Entwicklungskollektiv unter der Leitung von Dr. Gerhard Greiner-Bär zeichnete für diese Innovationen verantwortlich.
Mikroglaskugeln < 1,0 mm für Straßenmarkierungen, Verstärkung von Kunststoffen, Strahlmittel für Metalle
SCHWARZBRAND
VERFAHREN
0,8–4,0 mm – Reflexkörper im Straßenverkehr, Mahlkörper für Farben und Lacke, Füllkörper in der Chemie
REFLEXION & INDUSTRIE
Für reflektierende Verkehrsschilder, Sicherheits-markierungen, retroreflektierende Folien. Brechzahl nD > 2,0
RETROREFLEXION
Für Bootsbau, Fischerei, Luftfahrt, Tiefsee, Fahrzeugbau, Sportgeräte bis hin zu industriellem Sprengstoff
LEICHTBAU
„Trisoflex“ – Speicherung von flüssigem Stickstoff (Kälte-Akku), Katalysatorträger, Biofilter, Biotechnologie
TRISOFLEX
Chromatographie, Gentechnologie, Immobilisierung von Enzymen, Zellseparation, Katalysatorträger. Hergestellt im Vykor-Prozess
BIOTECHNOLOGIE
Das zuerst angewandte „Schwarzbrandverfahren“ war eine Zufallserfindung, die bei der Entwicklung von Schaumglas durch den Neuhäuser Dr. Ernst Otto Schulz anfiel. Die Technologie verursachte im Laufe der Zeit durch die Verwendung von Azethylenruß erhebliche Umweltschäden, sodass sie durch die nachfolgenden Blasverfahren und Schachtverfahren ersetzt werden mussten. Die Ballotini werden prinzipiell aus Abfallgläsern (Flachglas, Hohlglas) hergestellt – Recycling avant la lettre.
Die Hochindex-Mikroglaskugeln sind das Herzstück retroreflektierender Folien – jener Materialien, die Verkehrsschilder, Hinweistafeln und Sicherheitsmarkierungen in der Nacht zum Leuchten bringen. Im System der retroreflektierenden Folien wirken die Hochindex-Mikroglaskugeln als optische Linsen, die das Licht eines Autoscheinwerfers an einem Punkt konzentrieren und zurückreflektieren. Eine Bikonvexlinse im Miniaturformat, mit einem Durchmesser von weniger als 0,2 mm.
Von der Gehörschutzwatte bis zur retroreflektierenden Folie, vom Engelshaar bis zur Glaswolle-Isolation von Schiffen – Lauschaer Industrieglas hat die Welt sicherer, leiser und wärmer gemacht.
Lauschaer Glasbläser stellen die ersten Glasfasern her – als Schmuck für den Christbaum.
In den 1930er Jahren werden hier erstmals spinnbare Glasfäden mit genau definiertem Durchmesser als Rollenware hergestellt. Heute: Vitrulan Technical Textiles GmbH.
Septimius Koch und Hans F.C. Cordts gründen die „Thüringische Glaswolleindustrie“. Produktion in Lauscha, Verkauf aus dem Chile-Haus in Hamburg. 10 Jahre vor den USA!
Die Produktion wächst so stark, dass in Lauscha kein Platz mehr ist. Glasfaserproduktion expandiert nach Steinach.
Gebrüder Queck in Lauscha und Haselbach sowie die „Wernerhütte“ von Schuller nehmen die Glasfaserproduktion auf.
In der Außenstelle Lauscha des Instituts für Glastechnik Ilmenau beginnt unter Willi Fiedler die Entwicklung mikrofeiner Glasfasern – unabhängig von der US-Forschung.
Nach 3 Jahren Forschungsarbeit kann das erste Produkt aus mikrofeinen Glasfasern vorgelegt werden.
Ballotini, Rührwerksmahlkörper, Hochindex-Mikroglaskugeln, hohle Mikroglaskugeln, Sinterglas „Trisoflex“ und poröse Gläser – alles entwickelt und hergestellt in Lauscha.
Dipl.-Ing. Gerhard Greiner-Bär übernimmt die Forschung. Es folgen Jahrzehnte der Innovation – über 60 Patente, vom Duplexverfahren bis zur 0,1-µm-Faser.
Mikrofeine Faser wird in Spechtsbrunn („Thüringer Filter Glas GmbH“) hergestellt. Nachfolgebetrieb des Lauschaer Glaswerkes produziert auf dem Köpplein.
Glasfaserfirmen in Lauscha, Steinach und Haselbach unter neuen Besitzern. Das Erbe der Industrieglaserzeugung lebt weiter.
Von den ersten zärtlichen Glasfäden des Engelshaars über die Geburtsstunde der Glaswolleindustrie bis hin zu Mikroglaskugeln, die Verkehrsschilder zum Leuchten bringen – die Industrieglaserzeugung aus Lauscha ist eine Geschichte von Erfindergeist, der keine Grenzen kennt. Was Septimius Koch 1921 begann und Dr. Gerhard Greiner-Bär mit über 60 Patenten fortsetzte, macht Lauscha zu einem der bedeutendsten Standorte der Glasinnovation weltweit. Glaskunst beGREIFEN – das heißt auch: Industriegeschichte begreifen.
Lauscha – Zentrum der Industrieglaserzeugung
Die umfassende Geschichte der Industrieglaserzeugung ist in mehreren Heften des Heimat- und Geschichtsvereins dokumentiert:
ATELIER SpissKist, Straße des Friedens 15, 98724 Lauscha
Reservierung unter: 0171-433 29 82 oder per E-Mail:
rita.worm@lauscha-glaskunst.com
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