Von Lauscha in die Welt – eine faszinierende Reise durch die Jahrhunderte

Wussten Sie, dass es zwischen 1454 und 1547 den Glasmachern von Murano, der kleinen Insel vor Venedig, verboten war, Kontakt zu Verwandten und Bekannten außerhalb der Republik zu haben – oder gar auszureisen? Für Venedigs Glasmacher stand auf Verrat von Geheimnissen des Glasmachens die Todesstrafe. So wertvoll war das Wissen um die Glasperle. Und genau dieses Wissen fand seinen Weg – über Jahrhunderte, über Gebirge, über Grenzen – bis nach Lauscha im Thüringer Wald.

Von Ägypten über Venedig nach Lauscha

Als die Urheimat der Glasperlen darf man Ägypten bezeichnen. Schon in der Zeit um 1.500 v. Chr. fand man in Gräbern als Beigaben Perlen, die fast durchweg eine runde, zuweilen stäbchen- oder ringförmige Form aufwiesen. In römischer Zeit entstand rund um das Mittelmeer zwischen 100 v. Chr. und 300 n. Chr. eine erste Hochkonjunktur der Perlenfertigung. Im 11. Jahrhundert breitete sich die Kunst der Perlenherstellung über Venedig nach Frankreich, Österreich, Nordböhmen und Deutschland aus.

Ägypten
~1.500 v. Chr.
Römisches Reich
100 v.–300 n. Chr.
Venedig / Murano
11. Jh.
Böhmen / Gablonz
16. Jh.

Venedigs tödliches Geheimnis

Zwischen 1454 und 1547 war es den Glasmachern von Murano bei Todesstrafe verboten, die Insel zu verlassen oder Kontakt zur Außenwelt zu haben. Das Wissen um die Glasperlenherstellung galt als Staatsgeheimnis der Republik Venedig – so kostbar war die Kunst, aus Sand und Feuer schimmernde Perlen zu formen. Trotz aller Verbote fand dieses Wissen seinen Weg nach Norden – über die Jahrhunderte, über die Alpen, bis in die Werkstätten des Thüringer Waldes.

Vier Arten, eine Perle zu machen

Nach der Art der Herstellung lassen sich vier grundlegende Formen von Glasperlen unterscheiden – jede mit ihrer eigenen Tradition, ihrer eigenen Region und ihrem eigenen Charakter.

Gewickelte Perlen

AN DER LAMPE GEWICKELT

Mehrfach gewickelte Perlen (multiple-wound beads), typisch für die venezianische Produktion und die Gablonzer Perlen im Isergebirge. Komposit- und Millefioriperlen gehören hierher. In den letzten 30 Jahren starker Auftrieb – auch in Lauscha und bei vielen Individualisten.

Hohlglasperlen

LAUSCHAER SPEZIALITÄT

Die für Lauscha bedeutsamste Art: An der Lampe geblasene Hohlperlen aus Glasröhren. Seit 1755 durch Johann Adam Greiner in Lauscha heimisch. Grundlage der gesamten Christbaumschmuck-Fertigung ab 1820.

Druck- oder Pressperlen

GABLONZER TRADITION

Typisch für das Isergebirge rund um Gablonz (Jablonec nad Nisou). Mittels Formzange von einem zähflüssigen Glasstab abgedrückt. Nach 1945 brachten Vertriebene diese Technologie auch nach Lauscha.

Hackperlen (Schmelz)

EINFACHE FERTIGUNG

Dünne Glasröhrchen in Stückchen verschiedener Länge geschnitten, die Innenwände mit Blei-Zinn-Lösung verspiegelt. Später kamen farbige Röhrchen für farbigen Schmelz zum Einsatz.

Johann Adam Greiner – Der Mann, der die Perle nach Lauscha brachte

Die Herstellung von Hohlglasperlen hatte für Lauscha und die umliegenden Ortschaften eine überragende Bedeutung. Die Technologie gelangte Anfang der 1750er Jahre durch den Lauschaer Glashändler Johann Adam Greiner – genannt „Habakuk“ – in den Ort. Gemeinsam mit seinem späteren Schwiegersohn, dem Glasmacher Johann David Greiner – genannt „Sixer“ –, schuf er die Voraussetzungen zur Produktion dieses neuen Produktes. Neben den Ausrüstungen für die Lampenglasbläserei war vor allem auch die Herstellung von Glasröhren in der Glashütte erforderlich.

Mit dem Beginn der Lampenglasbläserei um 1755 hielt die Heimindustrie in Lauscha und den umliegenden Ortschaften Einzug. Lange Zeit waren die Hohlglasperlen die Haupteinkunftsquelle der einheimischen Lampenbläser, die erst Ende des 18. Jahrhunderts durch Glasspielzeuge und Nippes ergänzt wurden. Die Fertigung der Hohlglasperlen war schließlich die Grundlage des Beginns der Christbaumschmuckfertigung gegen 1820.

So entsteht eine Lauschaer Hohlglasperle

1. Ein Glasröhrchen aus der Glashütte wird an der Flamme erhitzt – zunächst mit dem Stiefelrohr an einer Öllampe, später mit dem Blasebalg und nach 1867 mit Leuchtgas
2. Per Atemluft wird das erhitzte Röhrchen zu einer Perle aufgeblasen – mit Gas konnten gleichzeitig mehrere Perlen als „Klautsche“ entstehen
3. Die anhängenden Perlen werden getrennt und in einem weiteren Arbeitsgang mit einem „Silberdekor“ versehen – durch Einsaugen einer Blei-Zinn-Lösung
4. Ab den 1870er Jahren: „Fischperlenherstellung“ – eine neue Methode mit „Fischsilber“ aus Fischschuppen für einen besonders edlen, perlmuttartigen Glanz

Die Reise der Glasperle – Meilensteine

~1.500 v. Chr. Ägypten – Wiege der Glasperle

In Gräbern des alten Ägypten finden sich die ältesten bekannten Glasperlen als Beigaben – rund, stäbchen- oder ringförmig.

100 v.–300 n. Chr. Römische Hochkonjunktur

Rund um das Mittelmeer entsteht die erste Blütezeit der Perlenfertigung – Glasperlen werden zum Handels- und Schmuckgut.

11. Jahrhundert Venedig wird Zentrum

Die Kunst der Perlenherstellung breitet sich über Venedig nach Frankreich, Österreich, Nordböhmen und Deutschland aus.

1454–1547 Muranos tödliches Geheimnis

Glasmacher auf Murano dürfen bei Todesstrafe die Insel nicht verlassen. Das Wissen um die Glasperle ist Staatsgeheimnis.

16. Jahrhundert Waldglashütten in Böhmen & Bayern

„Paterl“ – aus dem Hafen gewickelte Perlen – werden in den Glashütten des Böhmerwaldes, Bayerischen Waldes und Fichtelgebirges gefertigt.

~1755 Die Perle kommt nach Lauscha

Johann Adam Greiner „Habakuk“ bringt die Hohlglasperlen-Technologie nach Lauscha. Mit seinem Schwiegersohn Johann David Greiner „Sixer“ beginnt die Heimindustrie.

1762 Ein Prinz besucht die Werkstätten

Prinz Friedrich Karl von Schwarzburg-Rudolstadt berichtet in seinem Tagebuch von der Glasperlenproduktion in der „Schmalen Buche“ bei Lauscha.

1867 Leuchtgas revolutioniert die Produktion

Die Öllampe wird durch Gas ersetzt. Gleichzeitig können mehrere Perlen in einer „Klautsche“ geblasen werden – ein Quantensprung.

1870er Jahre Fischperlenherstellung

Die neue Verspiegelungsmethode mit „Fischsilber“ aus Fischschuppen verleiht den Perlen einen perlmuttartigen Glanz.

~1820 Von der Perle zum Christbaumschmuck

Die Fertigung der Hohlglasperlen wird zur Grundlage der Christbaumschmuckproduktion – Lauschas berühmteste Erfindung wächst aus der Perle heraus.

nach 1945 Gablonzer Pressperlen kommen nach Lauscha

Vertriebene aus dem Isergebirge bringen die Druck- und Pressperlen-Technologie mit und vereinen sie mit der Lauschaer Tradition.

Was die Lauschaer Glasperle besonders macht

  • 3.500 Jahre Tradition: Die Spur der Glasperle führt zurück bis ins alte Ägypten – Lauscha steht in einer jahrtausendealten Linie
  • Die Hohlglasperle als Initialzündung: Ohne die Perle hätte es den Christbaumschmuck nie gegeben – sie war die technische Grundlage für alles
  • Johann Adam Greiner „Habakuk“: Der Mann, der das Wissen nach Lauscha brachte und eine ganze Heimindustrie begründete
  • Heimindustrie seit 1755: Die Lampenglasbläserei machte aus Lauscha ein Zentrum der Glaskunst – in jedem Haus wurde produziert
  • Technologische Innovationen: Vom Stiefelrohr über den Ziegensack zum Blasebalg, von der Öllampe zum Gas – Lauscha hat sich immer weiterentwickelt
  • Kulturelle Verschmelzung: Gablonzer Pressperlen-Tradition trifft Lauschaer Hohlperlen-Können – ein einzigartiges Erbe

Die Spur der Glasperlen ist eine Spur, die sich über Jahrtausende und Kontinente zieht – vom Nil über das Mittelmeer, über die Alpen und die Glasbläserwerkstätten Böhmens bis hinein in die kleinen Häuser von Lauscha, wo an der Lampe geblasen wurde, was die Welt verzauberte. Es ist eine Geschichte von Wissen, das unter Todesstrafe gehütet wurde, und von Menschen, die dieses Wissen trotzdem weitertrugen – bis es in den Händen eines Lauschaer Glashändlers namens Habakuk zur Grundlage einer Tradition wurde, die bis heute lebt. Glaskunst beGREIFEN – das beginnt mit der Perle.

Mehr erfahren – Broschüre „Die Spur der Glasperlen"

Die vollständige Geschichte der Lauschaer Glasperlenproduktion ist in der Broschüre des Heimat- und Geschichtsvereins dokumentiert, verfasst von Dr. Gerhard Greiner-Bär.

Publikation
„Die Spur der Glasperlen – Lauschaer Perlen“
Autor
Dr. Gerhard Greiner-Bär
Herausgeber
Heimat- und Geschichtsverein Lauscha e.V.
Erhältlich bei
Backshop Gerlicher & Blumenshop Triebel in Lauscha · Tel. 036702 21777

Glasperlen selbst wickeln?

Im ATELIER SpissKist könnt Ihr die Kunst des Glasperlenwickelns selbst erleben. An der Flamme, mit eigenen Händen – eine 3.500 Jahre alte Tradition zum Anfassen.

ATELIER SpissKist, Straße des Friedens 15, 98724 Lauscha
→ Termin vereinbaren unter: 0171-433 29 82 oder per E-Mail:
rita.worm@lauscha-glaskunst.com